Poems I Like










Kriegslied

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
's ist leider Krieg -- und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt' ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Br䬧ute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich' herab?

Was hülf' mir Kron' und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg -- und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Matthias Claudius

Aus Anlass des russischen Krieges gegen die Ukraine hier eingefügt (2022).










Verschwiegene Liebe

Über Wipfel und Saaten
in den Glanz hinein -
wer mag sie erraten,
wer holte sie ein?
Gedanken sich wiegen,
die Nacht ist verschwiegen,
Gedanken sind frei.

Errät es nur eine,
wer an sie gedacht,
beim Rauschen der Haine,
wenn niemand mehr wacht,
als die Wolken, die fliegen -
mein Lieb ist verschwiegen
und schön wie die Nacht.

Joseph von Eichendorff










Es saß ein Mann gefangen
auf einem hohen Turm,
die Wetterfähnlein klangen
gar seltsam in den Sturm.

Und draußen hört er ringen
verworrner Ströme Gang,
dazwischen Vöglein singen
und heller Waffen Klang.

Ein Liedlein scholl gar lustig:
Heisa, so lang Gott will!
Und wilder Menge toßen;
dann wieder totenstill.

So tausend Stimmen irren,
wie Wind im Meere gehn,
sich teilen und verwirren,
er konnte nichts verstehn.

Doch spürt er, wer ihn grüße,
mit Schaudern und mit Lust,
es rührt ihm wie in Riese
das Leben an die Brust.

Joseph von Eichendorff










Wo aber werd ich sein im künftigen Lenze?
so frug ich sonst wohl, wenn beim Hüteschwingen
ins Tal wir ließen unser Lied erklingen,
denn jeder Wipfel bot mir frische Kränze.

Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze,
daß nach dem Meer die Ströme funkelnd gingen,
von fernem Wunderland die Vögel singen,
da hatt das Morgenrot noch keine Grenze.

Jetzt aber wirds schon Abend, alle Lieben
sind wandermüde längst zurückgeblieben,
die Nachtluft rauscht durch meine welken Kränze,

und heimwärts rufen mich die Abendglocken,
und in der Einsamkeit frag ich erschrocken:
Wo werde ich wohl sein im künftigen Lenze?

Joseph von Eichendorff










Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff










Diss erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
   Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
     Dass ich wuesste, mit Vorsicht
       Mich des ebenen Pfades gefuehrt.

Hölderlin










[...]    Ans eigene Treiben
sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Hoeret jeglicher nur [...] doch immer und immer
Unfruchtbar wie die Furien bleibt die Muehe der Armen.

Hölderlin










Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Los betrübt?
Nur zu Zwang und Not erlesen,
In Verstellung nur geübt,
Dürfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen.

Allem, was die Eltern sprechen,
Widerspricht das volle Herz.
Die verbotne Frucht zu brechen
Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz;
Möchten gern die süßen Knaben
Fest an unserm Herzen haben.

Wäre dies zu denken Sünde?
Zollfrei sind Gedanken doch.
Was bleibt dem armen Kinde
Außer süßen Träumen noch?
Will man sie auch gern verbannen,
Nimmer ziehen sie von dannen.

Wenn wir auch des Abends beten,
Schreckt uns doch die Einsamkeit,
Und zu unsern Küssen treten
Sehnsucht und Gefälligkeit.
Könnten wir wohl widerstreben,
Alles, alles hinzugeben?

Unsere Reize zu verhüllen,
Schreibt die strenge Mutter vor.
Ach! was hilft der gute Willen,
Quellen sie nicht selbst empor?
Bei der Sehnsucht innerm Beben
Muß das beste Band sich geben.

Jede Neigung zu verschließen,
Hart und kalt zu sein wie Stein,
Schöne Augen nicht zu grüßen,
Fleißig und allein zu sein,
Keiner Bitte nachzugeben:
Heißt das wohl ein Jugendleben?

Groß sind eines Mädchens Plagen,
Ihre Brust ist krank und wund,
Und zum Lohn für stille Klagen
Küßt sie noch ein welker Mund.
Wird denn nie das Blatt sich wenden,
Und das Reich der Alten enden?

Novalis (aus: Heinrich von Ofterdingen)










Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ew'gen Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (aus: Heinrich von Ofterdingen)










Der Kirschbaum, den im Herbst der Blitz zeriß -
jetzt ist er über und über
von Blüten verschleiert.

Enomoto Kikaku










Unaufhörlich rauscht der Frühlingsregen nieder
und schlägt ohne Erbarmen
die Kirschblüten von den Zweigen.
Wem sich das Herz da nicht zusammenkrampft,
der hat das Leben noch nicht verstanden.

Otomo no Kuronushi










Obwohl ich weiß,
daß ich dir nie mehr begegnen werde,
auf diesem Wege,
geh' ich ihn immer wieder und hoffe,
es möchte dennoch geschehen.

Anonymous










Eine blühende Winde
hat sich um meinen Brunneneimer gerankt.
Ich schöpfe das Wasser beim Nachbarn.

Frau Kaga no Chiyo










Wie der Wildbach
verhüllt von Laub und Gebüsch
durch den Bergwald stürzt,
so gischtet und stürzt die Liebe
druch meine Seele.

Unbekannter Dichter










Die Frühlingsblüten haben der Gewalt
des Sturmes nicht widerstehen können.
Doch sind sie nicht allein
so jäh gefallen.
Ich auch.

Kintsune










Eine einsame Frau
steht am Fenster und sieht hinaus.
Es regnet und regnet.

Enomoto Kikaku










Sie lassen dich ihr Antlitz sehen
aber ihre Seele nicht,
die Blumenmädchen.

Kurtisane Tsukaki










Ein Blitz flammt durch die Nacht.
Da, der Fischer!
Gerade schwingt er sein Netz.

Buson










Vollmond.
Ein Duft von Licht
schwebt über dem Wasser.

Hattori Ranetsu










Auf der Wölbung der Tempelglocke
ganz zart
ein Schmetterlihng.

Buson










Ein Glühwürmchen schwebte durch die Nacht.
Ich wollte sagen: Sieh doch, Geliebte!
Aber ich war ja allein.

Taiji










Das Donnern das Wasserfalles
ist verstummt
vor vielen, vielen Jahren schon.
Doch wenn sein Name geannnt wird,
erdröhnt er wieder wie einst.

Fujiwara no Kito










Nun ruhst du auf der Blüte,
winziger blauer Schmetterling.
Aber deine Flügel zittern noch immer.

Ryudai










Ein uralter Weiher.
Vom Sprung eines Frosches
ein kleiner Laut.

Matsuo Basho










Die Mutter pflückt Teeblätter und singt.
Das Kind auf ihrem Rücken
bewegt eine Blume im Takt.

Issa










Bist oft fortgelaufen, kleiner Sohn,
hinter den Libellen her.
Doch nie so weit wie jetzt...

Frau Kaga no Chiyo










Die Gedanken der Menschen
in meinem Heimatdorf
sind mir nicht mehr vertraut.
Aber die Blumen duften noch wie damals,
als ich ein Kind war.

Ki no Tsurayuki










Die wogenden Algenhaare
tief in den Wirbeln des Stromes,
niemand sieht sie.
Und niemand sieht die Sehnsucht,
die in der Tiefe meines Herzens wogt.

Ki no Tomonori










Das Feuer hat mir das Sommerhaus geraubt.
Nun kann ich mich ganz
dem Mond hingeben.

Masahide










Ich will von den beiden Meeren,
die ewig steigen und fallen,
von Tod und Leben will ich nichts mehr wissen.
Meine Sehnsucht steht nach einem Gipfel,
den die Wasser nicht erreichen.

Unbekannter Dichter










Unmerklich reiht sich Tag an Tag.
So bist du entstanden,
Vergangenheit.

Buson










Wohin weht euch der Herbstwind,
willenlose Ahornblätter?
Wohin?
Wer kann es sagen?
Bald weht auch mich der Wind davon.

Ryudai










Rieselndes Mondlicht.
Noch immer keine Schritte im Garten.
Eine Wolkenwand dunkelt herauf.
Bald wird es regnen.
Ich bleibe wieder allein.

Unbekannter Dichter










Wenn der Wind
durch die Föhre streicht,
die auf dem Gipfel steht,
ertönt sie wie ein Saitenspiel.
Wo hat er diese Kunst gelernt?

Tempelmädchen Saigu no Nyogo










Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
kein Baum sieht den andern,
jeder ist allein.

Voll von Freuden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war;
nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.

Hermann Hesse










These are the days when Birds come back -
A very few - a Bird or two -
To take a backward look.

These are the days when skies resume
The old - old sophistries of June -
A blue and gold mistake.

Oh fraud that cannot cheat the Bee -
Almost thy plausibility
Induces my belief.

Till ranks of seeds their witness bear -
And softly thro' the altered air
Hurries a timid leaf.

Oh Sacrament of summer days,
Oh Last Communion in the Haze -
Permit a child to join.

Thy sacred emblems to partake -
Thy consecrated bread to take
And thine immortal wine!

Emily Dickinson, ~1859










I dwell in Possibility -
A fairer House than Prose -
More numerous of Windows -
Superior - for Doors -

Of Chambers as the Cedars -
Impregnable of Eye -
And for an Everlasting Roof
The Gambrels of the Sky -

Of Visitors - the fairest -
For Occupation - This -
The spreading wide my narrow Hands
To gather Paradise -

Emily Dickinson










Der Mensch

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr,
Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar,
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr,
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr,
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar,
Schläft, wachet, wächst und zehret
Trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius (1740-1815)










Wanderers Nachtlied

Über allen Wipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethe's Hütte
auf dem Kickelhahn
Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)









Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und bangen
In schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt --
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang Goethe










You say there is no love, my love,
Unless it lasts for aye.
Ah, folly, there are episodes
Far better than the play.

Grace Fallow Norton
(incorrectly attributed to W. B. Yeats Carl Sagan's Contact)










Pale brows, still hands and dim hair,
I had a beautiful friend
And dreamed that the old despair
Would end in love in the end:
She looked in my Heart one day
And saw your image was there;
She has gone weeping away.

W. B. Yeats










I Am The Walrus

I am he
as you are he
as you are me
and we are all together.
See how they run
like pigs from a gun
see how they fly. I'm crying.

Sitting on a cornflake - waiting for the van to come.
Corporation taeshirt, stupid bloody
Tuesday man you been a naughty boy
you let your face grow long.
I am the eggman oh, they are the eggmen -
Oh I am the walrus GOO GOO G'JOOB.

Mr. City policeman sitting pretty little policman in a row,
see how they fly
like Lucy in the sky
see how they run.
I'm crying - I'm crying I'm crying.

Yellow matter custard dripping from a dead dog's eye.
Crabalocker fishwife pornographic
priestess boy you been a naughty girl,
you let your knickers down.
I am the eggman oh, they are the eggmen -
Oh I am thew walrus. GOO GOO G'JOOB.

Sitting in an English garden waiting for the sun,
If the sun don't come you get a tan from
standing in the English rain.
I am the eggman oh they are the eggmen -
Oh I am the walrus. G'JOOB, G'GOO, G'JOOB.

Expert texpert choking smokers
don't you think the joker laughs at you? Ha ha ha!
See how they smile,
like pigs in a sty,
see how they snied. I'm crying.

Semolina pilchards climbing up the Eiffel Tower.
Elementary penguin singing Hare Krishna
man you should have seen them
kicking Edgar Allen Poe.

I am the eggman oh, they are the eggmen -
Oh I am the walrus GOO GOO GOO JOOB
GOO GOO GOO JOOB GOO GOO
GOOOOOOOOOOJOOOOOB.

The Beatles










Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann










Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan










Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück ...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky










Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Hölderlin (1770 - 1843)










Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

Christian Morgenstern










Ich und Du

Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Friedrich Hebbel










Das Geheimnis

Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,
Zu viele Lauscher waren wach;
Den Blick nur durft ich schüchtern fragen,
Und wohl verstand ich, was er sprach.
Leis komm ich her in deine Stille,
Du schön belaubtes Buchenzelt,
Verbirg in deiner grünen Hülle
Die Liebenden dem Aug der Welt.

Von ferne mit verworrnem Sausen
Arbeitet der geschäft'ge Tag,
Und durch der Stimmen hohles Brausen
Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag.
So sauer ringt die kargen Lose
Der Mensch dem harten Himmel ab,
Doch leicht erworben, aus dem Schoße
Der Götter fällt das Glück herab.

Daß ja die Menschen nie es hören,
Wie treue Lieb uns still beglückt!
Sie können nur die Freude stören,
Weil Freude nie sie selbst entzückt.
Die Welt wird nie das Glück erlauben,
Als Beute wird es nur gehascht,
Entwenden mußt du's oder rauben,
Eh dich die Mißgunst überrascht.

Leis auf den Zehen kommt's geschlichen,
Die Stille liebt es und die Nacht,
Mit schnellen Füßen ist's entwichen,
Wo des Verräters Auge wacht.
O schlinge dich, du sanfte Quelle,
Ein breiter Strom um uns herum,
Und drohend mit empörter Welle
Verteidige dies Heiligtum!

Schiller










Das war der Tag

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, -
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht ...
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, -
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise

erklang die Nacht ...

Rilke










Winterlied

Als ich heute von dir ging
fiel der erste Schnee
und es machte sich mein Kopf
einen Reim auf Weh.

Denn es war die Kälte nicht
die die Tränen mir
in die Augen trieb
es war vielmehr Ungereimtes.

Ach da warst du schon zu weit
als ich nach dir rief
und dich fragte wer die Nacht
in deinen Reimen schlief.

(Ulla Hahn, 1981)










Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Hölderlin










Schönes habe ich erlebt --
Goldfarben der Teppich des Lebens durchwebt.
Auch dunkle Fäden sind manchmal dabei.
Wollt ich sie entfernen, der Teppich riss' entzwei.

Unbekannt










Things we keep

The memory of a love long ago
is like the old sweater with
holes that I keep telling myself
I'll throw away,
some day,
not to-day,
I still need it.

Terry Rowe










Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben,
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rilke










Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Atem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte -
Glückes Genug.

Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn ich an deinem Herzen lag
Und nicht mehr dachte an ein Morgen -
Glückes Genug.

Detlev von Liliencron










Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"
"Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?"
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?"
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind."

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?"
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
"Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!"

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh' und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.










Das Portrait eines Vogels

Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür
dann male
irgend etwas Hübsches
irgend etwas Einfaches
irgend etwas Schönes
irgend etwas Nützliches
was nur den Vogel angeht
Dann lehne die Leinwand an einen Baum
in einem Garten
in einem Wäldchen
verbirg dich hinter dem Baum
ohne zu sprechen
ohne dich zu rühren ...

Bisweilen kommt der Vogel bald,
aber er kann ebensogut viele Jahre brauchen,
bis er sich dazu entschließt.
Verlier nicht den Mut,
warte ...

Warte, wenn es sein muss, jahrelang;
denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun mit dem Gelingen des Bildes.

Wenn der Vogel kommt
falls er kommt
so sei ganz still
Warte, bis der Vogel in den Käfig schlüpft;
und, wenn er hineingeschlüpft ist,
schließe mit dem Pinsel leise die Tür.

Dann
tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus,
wobei du keine einzige Feder
des Vogels berühren darfst.

Sodann male den Baum
und wähle den schönsten seiner Äste
für den Vogel.

Male auch das grüne Laub und den frischen Wind,
den Sonnenstaub,
und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut.
Und dann warte, ob der Vogel sich entschließt zu singen ...
Wenn der Vogel nicht singt,
so ist es ein schlechtes Zeichen,
ein Zeichen, dass das Bild schlecht ist.
Aber wenn er singt,
ist es ein gutes Zeichen,
ein Zeichen, dass du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst.

Dann zupfst du ganz sacht
eine Feder aus dem Vogelgefieder
und schreibst in einer Ecke des Bildes deinen Namen nieder.

Jacques Prévert










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Gabriel Zachmann
Last modified: Sun May 08 17:59:45 MDT 2022